Hörbericht Partizipation in Forschung und Praxis

Jana Bauer (rechts), Uni Köln, neben einem Rednerpult stehend, bei ihrer Präsentation beim Friedrichshainer Kolloquium; links im Bild die Leinwand, davor zwei Gebärdendolmetscherinnen, davor in Rückenansicht das Publikum
 
 

Podcast zum Friedrichshainer Kolloquium vom 18.9.2018 in der Villa Donnersmarck

Wie kommt mehr Mitbestimmung in Wissenschaft und Lehrbetrieb? Beim Friedrichshainer Kolloquium 2018, der Kooperation von Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft (IMEW), Aktionbündnis Teilhabeforschung und Fürst Donnersmarck-Stiftung, wurden drei ganz unterschiedliche Beispiele für Partizipation und Teilhabe von Menschen mit Behinderung vorgestellt und diskutiert.

Hören Sie einen Podcast von Klaus Fechner, reichweiten.net

 

Transkription zum Mitlesen

Das Friedrichshainer Kolloquium beschäftigt sich in diesem Jahr mit dem Thema „Teilhabeforschung meets Praxis“. Die Veranstaltungsreihe ist eine Kooperation vom Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft, dem Aktionsbündnis Teilhabeforschung und der Fürst Donnersmarck-Stiftung. Am 18. September fand die dritte Veranstaltung in der Villa Donnersmarck statt. In drei Vorträgen wurden Beispiele aus der Praxis der Teilhabeforschung beschrieben.

 
Jürgen Clausen, Deutsche Rheumaliga, beim Friedrichshainer Kolloquium

Jürgen Clausen, Deutsche Rheumaliga, beim Friedrichshainer Kolloquium

 

Den Auftakt machte Jürgen Clausen von der Deutschen Rheumaliga. Er schilderte die Idee und den Verlauf des Projektes „Partizipative Forschung“. Im Rahmen des Projektes werden seit 2014 Patienten zu Forschungspartnern geschult. Diese Forschungspartner sollen als Experten und Patientenvertreter in Forschungsprojekte eingebunden werden. Um die ausgesuchten Patienten auf die wissenschaftliche Arbeit vorzubereiten, wurden zweitägige Trainingskurse absolviert. Jürgen Clausen zum Hintergrund:

Wir machen den Teilnehmern ganz klar, dass sie diesen Kurs nicht verlassen werden als Experten in klinischer Forschung. Sie sind bereits Experten, was das Wissen angeht, wie man den Alltag mit der Erkrankung bewältigt. Es geht uns darum dieses Expertenwissen des Alltags in die Forschungsprojekte hinein zu bringen. Aber wir geben ihnen das Rüstzeug, damit sie sich nicht völlig fremd vorkommen.

In den Kursen wurden Einblicke in Themenfelder wie zum Beispiel Begutachtung von Forschungsanträgen und Prüfen auf Verständlichkeit gegeben. Außerdem wurden Fachbegriffe wie beispielsweise Placebo erklärt. Die Anforderungen an die Rheumapatienten waren sehr vielfältig. So wurde Reisebereitschaft genauso erwartet wie gute Englisch-Kenntnisse, Computer-Kenntnisse, ein E-Mail-Postfach oder ein Laptop für Internet-Recherchen. Jürgen Clausen beschreibt, wie die Forschungspartner und die Projekte zusammengekommen sind:

Die deutsche Rheumaliga hatte ziemlich schnell sechs Forschungspartner ausgebildet und kein einziges Projekt, das bereit war, Forschungspartner aufzunehmen. Wir fördern selber Forschungsprojekte. Da ist es Voraussetzung, dass Forschungspartner eingebunden werden. Und wir kriegen oft Anfrage von Forschungsprojekten, die beim Bundesministerium für Gesundheit einen Antrag einreichen und dann sehen, dass in den Ausschreibekriterien steht, Patientenbeteiligung erwünscht. Das ist eine ideale Gelegenheit für uns, zu sagen Ja. Haben sie schon einmal über partizipative Forschung nachgedacht. Wir haben hier Forschungspartner, die darauf brennen, mitzuarbeiten.

Bis zum September 2018 konnten bereits 13 Forschungspartner in 20 Projekten aktiv mitarbeiten und dort die Patientensicht einbringen.

 
Jana Bauer (links), Uni Köln, und Dr. Katrin Grüber, IMEW, beim Friedrichshainer Kolloquium

Jana Bauer (links), Uni Köln, und Dr. Katrin Grüber, IMEW, beim Friedrichshainer Kolloquium

 

Beim zweiten Thema des Abends ging es um das Projekt „PROMI – Promotion inklusive“, das 2013 gestartet ist. Die Forscher der Uni Köln wollen zeigen, dass sich Behinderung und hochqualifizierte Arbeit nicht ausschließen. Jana Bauer leitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin das Projekt inhaltlich. Sie erklärt die Ziele:

Wir schaffen deutschlandweit 45 Promotionsstellen für schwerbehinderte Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Dort haben sie eine halbe Stelle. Das ist die typische Form in Deutschland zu promovieren. Man hat eine halbe Stelle an der Uni und ist dort sozialversicherungspflichtig beschäftigt, was formal sehr wichtig ist, damit man zum Beispiel Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben beantragen kann. Sie können in dieser Zeit promovieren, sich weiter qualifizieren und erhöhen ihre Chance auf eine wissenschaftliche Karriere und in anderen beruflichen Bereichen.

Darüber hinaus ist ein weiteres Ziel, in Zusammenarbeit mit den 21 Partner-Hochschulen einen nachhaltigen Wandel an den Hochschulen einzuleiten. Das ist in einigen Fällen auch schon gelungen, strukturelle Veränderungen wurden bereits angestoßen:

Zum Beispiel hat eine Uni parallel zu den Angeboten, die für Promovierende allgemein existieren, ein spezielles Coaching für Promovierende mit Behinderung eingerichtet. Und sie sind ganz begeistert wie gut das aufgenommen wird. Es haben sich Gremien gebildet, die notwendig waren, um die Einstellungsprozesse zu managen, die dann aber über dieses Thema der Einstellung hinaus dauerhaft anhalten, weil es sinnvoll ist, sich mit den verschiedenen Akteuren regelmäßig auszutauschen.

Bis jetzt haben im Rahmen des Projektes zwei Teilnehmer ihre Promotion geschafft. PROMI – Promotion inklusive wird bis Ende 2021 fortgesetzt.

 
Dr. Ute Kahle, GIBB, beim Friedrichshainer Kolloquium

Dr. Ute Kahle, GIBB, beim Friedrichshainer Kolloquium

 

Um einen ganz anderen Bereich drehte es sich beim dritten Vortrag. Ute Kahle berichtete von ihren Erfahrungen im Bereich Teilhabe und Partizipation im Zusammenhang mit inklusiver Weiterbildung. Sie ist Geschäftsführerin der Gesellschaft für Integration und Bildung in Berlin, kurz: GIBB. Die GIBB bietet Fort- und Weiterbildungen mit Schwerpunkten in den Bereichen beruflicher und sozialer Integration von Menschen mit Behinderung. Für Ute Kahle ist das aktuelle Fortbildungsprogramm für Menschen mit Handicap ein Beispiel für gelebte Partizipation:

Das Programm, was in der Zusammenarbeit mit dem Berliner Werkstattrat konzipiert worden ist. Es ist praktisch ein Auftrag vom Berliner Werkstattrat und das ist für mich Teilhabe und auch Partizipation. Das sind jetzt 20 Tagesseminare zu Fragenstellungen wie zum Beispiel „Wie führe ich ein Protokoll?“ oder „Wie organisiere ich eine Sitzung?“ oder „Wie arbeitet der Werkstattrat?“. Der Werkstattrat hat zum Teil die Titelüberschriften der Seminare mit konzipiert.

Die Werkstatträte bilden eine Interessenvertretung der Beschäftigten in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, also eine Art Betriebsrat. Weitere Programmpunkte der Seminare sind unter anderem „Texte in leichter Sprache umformulieren“ und „Präsentations-Techniken“. An diesem Seminar macht Ute Kahle einen weiteren Aspekt von Inklusion, wie sie die GIBB versteht, deutlich:

Es gibt eine Dozentin, die ist Schauspielerin und sie hat langjährige Erfahrungen mit Menschen mit Beeinträchtigungen und stärkt Menschen im öffentlichen Auftritt. Sich als beeinträchtigter Mensch öffentlich vor ein Mikrofon zu stellen, wer kann das schon? Da geht es um „Ich verstecke mich nicht“, „Ich fülle einen Raum“ und „Ich trau ich zu sprechen“. Das ist auch inklusiv bezogen auf Menschen mit Beeinträchtigungen aber es sind auch Fach- und Führungskräfte ohne Beeinträchtigung dabei. Und die profitieren auch noch einmal anders voneinander, wenn sie zusammen lernen.

Außerdem werden seit 2018 einige Seminare von zwei Dozenten geleitet, von denen einer mit und einer ohne Behinderung lebt. Die drei vorgestellten Projekte sind sehr unterschiedlich: einmal steht partizipative Forschung im Mittelpunkt, einmal die Möglichkeit zur inklusiven Promotion und dann Teilhabe im Bereich Weiterbildung. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie einen Teil dazu beitragen, Inklusion und Teilhabe im Alltag zu verankern.

Die nächste Veranstaltung im Rahmen des Friedrichshainer Kolloquiums findet am 13. November 2018 statt. Das Thema in der Villa Donnersmarck lautet dann „Teilhabeforschung zwischen Politisierung und Unabhängigkeit“.

 
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