Friedrichshainer Kolloquium 2018 – Teilhabeforschung meets Praxis

 
 

Teilhabeforschung zwischen Politisierung und Unabhängigkeit

Ein Nachbericht von Dr. Karl Bald zum Friedrichshainer Kolloquium, 13. November 2018
Das Friedrichshainer Kolloquium steht dieses Jahr unter dem Motto „Teilhabeforschung meets Praxis“, die Auswahl der Themen erfolgte erstmalig über einen „Call for Papers“, an dem sich Forscherinnen und Forscher aus der gesamten Bundesrepublik beteiligten. Die Abschlussveranstaltung der Reihe am 13. November 2018 beschäftigte sich mit dem Themenschwerpunkt „Teilhabeforschung zwischen Politisierung und Unabhängigkeit“.

 

Rückblick auf den Abschluss der Veranstaltungsreihe

Zum Abschluss der diesjährigen Veranstaltungsreihe „Teilhabeforschung meets Praxis“ im Rahmen des „Friedrichshainer Kolloquiums“, eine Kooperation von Institut Mensch, Ethik, Wissenschaft, Aktionsbündnis Teilhabeforschung und Fürst Donnersmarck-Stiftung, fanden am 13.11.2018 rund 30 Personen ihren Weg in die Villa Donnersmarck nach Berlin-Zehlendorf, um mit einer Expertenrunde über das Thema „Was bedeutet wissenschaftliche Unabhängigkeit in der Teilhabeforschung?“ zu diskutieren.

Für eine möglichst lebhafte Anschlussdiskussion entschieden sich Prof. Gudrun Wansing (Humboldt-Universität zu Berlin), Prof. Markus Schäfers (Hochschule Fulda) und Prof. Swantje Köbsell (Alice Salomon Hochschule) dazu, ihre Beiträge jeweils zuzuspitzen und bewusst Extrempositionen zu beziehen.

 
Gudrun Wansing, Humboldt-Universität zu Berlin, beim Friedrichshainer Kolloquium 2018

Gudrun Wansing, Humboldt-Universität zu Berlin, beim Friedrichshainer Kolloquium 2018

 

Gudrun Wansing begann die Runde mit dem Vortrag „Politik gehört nicht in die (Teilhabe-) Forschung, in der sie bewusst das Ideal der unpolitischen und wertneutralen Wissenschaft betonte. Sie konstatierte, neben dem Prozess der Verwissenschaftlichung der Politik gebe es auch eine Politisierung der Wissenschaft. Sichtbar werde dies beispielsweise an dem Teilhabebegriff, der keinen originär wissenschaftlichen Ursprung habe, sondern in erster Linie ein politisch-rechtlicher Begriff sei. Nachdrücklich trat sie dafür ein, dass sich die Teilhabeforschung nicht einseitig politisch instrumentalisieren lassen, sondern sich selbst als Wissenschaft über die Zusammenhänge von Behinderungen und gesellschaftlichen Bedingungen verstehen solle. Dies bedürfe aus ihrer Sicht neben der aktuell sehr dominanten Anwendungsorientierung auch Grundlagenforschung ohne unmittelbare Verwertungsinteressen.

 
Markus Schäfers, Hochschule Fulda, beim Friedrichshainer Kolloquium 2018

Markus Schäfers, Hochschule Fulda, beim Friedrichshainer Kolloquium 2018

 

Markus Schäfers stellte dagegen unter der Überschrift „Teilhabeforschung kann nicht nicht-politisch sein“ eine bewusste Gegenposition zu Wansings Thesen auf. Schäfers wies daraufhin, dass die Forschung aufgrund der zunehmenden Bedeutung von Drittmitteln grundsätzlich in eine Interessenabhängigkeit gerate. Der bewusste Verzicht auf Drittmittel – etwa vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, das den Teilhabebericht herausgibt und dadurch die Teilhabeforschung maßgeblich stützt – liefe darauf hinaus, auf Einfluss und die Möglichkeiten, Veränderungen anzustoßen, zu verzichten. Darüber hinaus hob Schäfers hervor, die Teilhabeforschung habe aus seiner Perspektive in der Tat auch ein politisches Ziel: Dadurch, dass sie „das Moment des Politischen in der Forschung“ annehme und nutze, könne die Teilhabeforschung dazu beitragen, die Situation von Menschen mit Behinderung nachdrücklich positiv zu beeinflussen.

 
Swantje Köbsell, Alice Salomon Hochschule, Berlin, beim Friedrichshainer Kolloquium 2018

Swantje Köbsell, Alice Salomon Hochschule, Berlin, beim Friedrichshainer Kolloquium 2018

 

Zuletzt nahm Swantje Köbsell die Position ein, „Teilhabeforschung kann im Sinne von Menschen mit Behinderung nicht politisch/parteilich genug sein“. Aus der Perspektive der Disability Studies und im Anschluss an die UN-Behindertenrechtskonvention definierte sie die Aufgabe der Teilhabeforschung, Menschen mit Behinderung bei der Durchsetzung ihrer Rechte zu unterstützen. Nimmt man diese Position ein, müsse Teilhabeforschung politisch sein, gleichzeitig seien jedoch die geltenden wissenschaftlichen Maßstäbe zu erfüllen. Ihre Aufgabe bestehe in diesem Fall darin, Behinderung als gesellschaftliche Konstruktion zu analysieren und die eigene Rolle als behinderte oder nicht behinderte Forscherinnen und Forscher im Wissenschaftssystem reflektieren.

Die anschließende, sehr lebhafte Diskussion zeigte, dass die Entscheidung, bewusst Extrempositionen einzunehmen, gut war und einen gelungenen Abschluss der Reihe in diesem Jahr bot.

Die Kooperation zwischen dem IMEW und der Fürst Donnersmarck-Stiftung hat seit 2012 zu insgesamt 26 spannenden, informativen und hochkarätigen Veranstaltungen geführt – ein gelungenes Projekt, dessen wissenschaftliche Qualität ganz wesentlich durch die gelungene Zusammensetzung der einzelnen Beiträge durch Dr. Katrin Grüber und ihr IMEW-Team geprägt war. Im nächsten Jahr geht das „Friedrichshainer Kolloquium“ in einem etwas anderen Format in eine neue Runde. Alle Interessierten dürfen bereits gespannt sein.

 
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