Friedrichshainer Kolloquium 2018 #2

Vortragssituation beim Friedrichshainer Kolloquium
 
 

Teilhabe im Arbeitsleben

Ein Nachbericht von Dr. Karl Bald zum Friedrichshainer Kolloquium vom 12. Juni 2018
Das Friedrichshainer Kolloquium steht dieses Jahr unter dem Motto „Teilhabeforschung meets Praxis“, die Auswahl der Themen erfolgte erstmalig über einen „Call for Papers“, an dem sich Forscherinnen und Forscher aus der gesamten Bundesrepublik beteiligten. Die zweite Veranstaltung dieser Reihe am 12. Juni 2018 beschäftigte sich mit dem Themenschwerpunkt „Teilhabe im Arbeitsleben“.

 
Maria Sophia Heide, M.A., Universität Köln, beim Friedrichshainer Kolloquium 2018, mit den Händen erklärend auf dem Podium
 

Der erste Vortrag behandelte das Thema „Teilhabe im betrieblichen Setting - Welche Rolle nimmt die Schwerbehindertenvertretung ein?“ und wurde von M.A. Marie Sophia Heide gehalten. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Arbeit und Berufliche Rehabilitation, Universität Köln und aktuell tätig im Forschungsprojekt „Schwerbehindertenvertretungen: Allianzpartner in Netzwerken. Faktoren für gelingende Kooperationen zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit“. Es handelt sich hier um die erste großangelegte Untersuchung zur Arbeit der Schwerbehindertenvertretungen (SBV) in Deutschland. Insgesamt nahmen 1945 Personen an der Online-Untersuchung teil, dabei entstand ein aufschlussreiches Bild der wahrgenommenen Aufgaben, Ziele und Tätigkeiten der SBVs. Neben diesem deskriptivem Ansatz stellte die Referentin auch verschiedene „Gelingensfaktoren“ vor, wie z.B. die Verbindung zwischen Erfolgserleben der eigenen Arbeit mit dem im Betrieb vorhandenen „Inklusionsklima“. Zum Abschluss des Projekts ist eine Zukunftswerkstatt geplant, um die Arbeit der SBVs nachhaltig zu verbessern.
Viele Schwerbehindertenvertreter sind zufrieden mit ihrer Arbeit – diese Aussage löste auch in der anschließenden Diskussion deutliches Erstaunen aus. Darüber hinaus drehte sich die Diskussion um das (manchmal konkurrierende) Verhältnis von Betriebsräten und SBV, die Unterscheidung bzw. Vermischung von Integration und Inklusion und die Frage, wie man die Zielgruppe, also die Menschen mit Behinderung, stärker in zukünftige Befragungen miteinbeziehen könnte.

 
Veneta Slavchova, M. Sc. Psych., RWTH Aachen, präsentiert am Laptop stehend beim Friedrichshainer Kolloquium 2018 in der Villa Donnersmarck
 

Anschließend folgte ein Vortrag zum Thema „Der schmale Grat zwischen Inklusion und Stigmatisierung – Herausforderungen beim sozialen Wandel“ von M. Sc. Psych.Veneta Slavchova und PD Dr. Viktoria Arling. Beide Referentinnen sind tätig im Lehr- und Forschungsgebiet Gesundheitspsychologie, ehemals Berufliche Rehabilitation der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH). Ausgangsdaten wurden durch fiktive Personalauswahlprozesse von behinderten Bewerbern gewonnen – als Erfassung der latenten Zuweisungen bzw. Vorurteile über behinderte Bewerberinnen und Bewerber. Eine Basisannahme lautet z.B.: Auf automatischer Verarbeitungsroute werden Menschen in Sekundenschnelle in Eigen- bzw. Fremdgruppe eingeteilt. Fremdgruppen sind häufig spezifischen, mehr oder weniger bewussten Vorurteilen und Stigmata ausgesetzt. Diese Bewertungen gelten auch für die Einteilung in „gesund“ und „behindert“. Solche Beobachtungen widersprechen dem Gedanken der Inklusion. Besonders interessant war die Erkenntnis, dass ein großer Unterschied bei den Zuschreibungen zwischen körperlich und psychisch behinderten BewerberInnen festgestellt wurde. Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen werden von ‚gesunden‘ Personen bzw. Personen ohne Behinderung weitaus schneller exkludiert als körperlich beeinträchtigte Menschen. Beide Referentinnen sehen diese Tendenz als Auswirkung größerer Unsicherheit bzw. mangelndem Wissen über psychische Erkrankung. Eine wichtige Erkenntnis: Erhielten die Befragten passgenaue Informationen über eine Erkrankung, so änderte sich ihre Entscheidung in Richtung mehr Inklusion. Ergo: Information, gegenseitiges Verständnis und Kontakt sind nachgewiesenermaßen effektive Gegenmaßnahmen gegen Stigmatisierung und soziale Isolierung.

 
Diskussion auf dem Podium beim Friedrichshainer Kolloquium, links im Bild zwei Gebärdendolmetscherinnen
 

Beide spannenden Vorträge behandelten Teilhabe im Arbeitsleben aus verschiedenen Blickwinkeln und waren dennoch eng verbunden. Denn das im ersten Vortrag angesprochene Inklusionsklima in einem Betrieb kann mit Sicherheit durch die im zweiten Vortrag herausgearbeitete Strategie einer passgenauen Informationsgabe erheblich verbessert werden. In der lebendigen Abschlussdiskussion wurde deutlich, wie groß  die aktuellen Herausforderungen für alle beteiligten Akteure im Bereich Schwerbehindertenvertretung, Bundesteilhabegesetz und Grundsicherung sind. Das bedarf unbedingt verbesserter Zusammenarbeit. Denn keiner will feststellen müssen: Stigmatisierung essen Inklusion auf.

 
Grafik: Pac Man-Symbol, das sich anschickt den aus vielen bunten Kugeln gebildeteten Kreis aufzuessen, an dem Inklusion geschrieben steht
 
 
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