Teilhabeforschung verschiedene Perspektiven

Friedrichshainer Kolloquium / 19.04.2013

Dr.Ulrich Steuten (links) und Dr. Markus Schäfers mit Dr. Katrin Grüber

- Nachbericht -

Lässt sich Teilhabe messen? Wie kann Teilhabeforschung sinnvoll sein? Dr. Schäfers von der Bundesvereinigung Lebenshilfe als Leiter des Referats Konzepte näherte sich den Fragen nach Forschungsgegenstand und –methoden auf allgemeiner Ebene. Dr. Steuten hingegen von der Volkshochschule Moers als Fachbereichsleiter führte Teilhabeforschung am konkreten Beispiel bei Menschen mit Schriftschwäche aus.

 

„Teilhabeforschung und Behinderung – Überlgung zu Profilierung eines Forschungsfeldes"

Dr. Schäfers stellte am Anfang seines Vortrags „Teilhabeforschung und Behinderung“ die Frage, wie man gesellschaftlichen Fortschritt messen könne und führte so in die Lebensqualitätsforschung ein. Er unterschied dabei die objektive und die subjektive Perspektive von Lebensqualität (messbare Ressourcen / subjektive Bewertung) und stellte verschiedene Messinstrumente für Lebensqualität vor.
Daran schloss sich eine Klärung der Begriffe Inklusion und Teilhabe an: Inklusion bezieht sich nach Schäfers auf die gleichen Zugangsrechte aller Menschen, Teilhabe umfasst die jeweiligen Chancen des individuellen Lebens. Am Beispiel Schule: Menschen mit Behinderung sind inkludiert, doch wird damit noch nichts über die individuellen Teilhabeeinschränkungen in diesem System etwas ausgesagt. Schäfers bezog sich auf den Teilhabebegriff der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit und Behinderung der WHO), die die Möglichkeit biete, die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung zu untersuchen. Behinderung wird nach der ICF als soziales Ereignis verstanden – wie sieht in diesem Zusammenhang gelungene Teilhabe aus? Teilhabe sei ein schwieriger Begriff, weil sie einerseits beobachtbar, andererseits aber stark an das subjektive Erleben des Einzelnen gebunden ist.
Teilhabe geht für den Referenten über den speziellen Bereich von Behinderung hinaus, betrifft alle benachteiligten Gruppen, auch Gastarbeiter, alte Menschen, Frauen auf dem Land. Der Referent sah große Chancen für Teilhabeforschung, wenn sie sich in die allgemeinen Zusammenhänge hineinbegebe. Fragestellungen könnten z.B. sein: In welcher Lebenslage befinden sich die Betroffenen? Wie sehen die konkreten Lebenskontexte der Betroffenen aus? Welche Unterstützungsmaßnahmen wären angemessen?
Folgende Herausforderungen formulierte Dr. Schäfers für die Teilhabeforschung: Bisher seien die die Definitionen von Behinderung / Teilhabe noch zu wenig eindeutig. Ebenso müsse noch mehr Grundlagenforschung bei den Forschungsmethoden stattfinden und die einzeln arbeitenden Forschergruppen sollten noch stärker vernetzt werden. Ein weiteres Problem sei die schlechte Erreichbarkeit der Personengruppe, d.h. oft seien die Populationen für repräsentative Aussagen zu klein. Genauere und aussagekräftigere Daten zu Behinderung müssten noch viel mehr erhoben werden, wozu ein eigenständiges Erhebungsinstrument (Disability Survey) geschaffen werden sollte.

Diskussion: Mehr aussagekräftige Daten zu Behinderung werden im neuen Teilhabebericht, den die Bundesregierung im Mai veröffentlicht, zu finden sein, so Frau Knospe vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Dennoch gäbe es bezogen auf die spezifischen Lebenssituationen der Menschen mit Behinderung aktuell noch große Lücken bei der Datenlage. Hier müsse die zukünftige Teilhabeforschung verstärkt einsetzen. Es gäbe zwar interdisziplinäre Forschungsansätze, diese seien aber erst am Anfang. (Als ein konkretes Beispiel für Teilhabeforschung wurde von dem Referenten die Frage der selbstbestimmten Lebensführung bei der freien Wahl des Aufenthaltsortes genannt: das Recht auf eine eigene Wohnung als Alternative zu einem stationären Wohnheim. Wie laufen dabei Entscheidungswege ab, z.B. bei der Frage des Auszugs aus dem Elternhaus. Welche Kontextfaktoren beeinflussen diese Entscheidung? Der Wille des Menschen, das soziale Anspruchssystem? Das wären spannende Fragestellungen.) Anschließend ging eine andere Teilnehmerin auf die Definition von Behinderung ein: zurzeit seien primär die Körperstrukturen im Fokus, das gesamte Feld müsse sich aber mit Blick auf das soziale Ereignis bzw. auf die Kontextfaktoren neu geordnet werden, ohne die körperliche Beeinträchtigung zu vernachlässigen. Wie denken Sozialwissenschaftler darüber, dass Teilhabe Menschenrechte sind? – so ein anderer Teilnehmer. Der Referent betrachtete in seiner Antwort Menschenrechte als durchaus mögliche Fragestellungen von Teilhabeforschung, z.B. könnte eine Untersuchungsfrage sein, wie die Menschenrechte als Zugangsrechte auch tatsächlich gewahrt werden. Menschenrechte könnten als Kontextfragen des ICF-Modells, als soziale Spielregeln, untersucht werden. Wie der Referent die Abgrenzung zwischen Teilhabeforschung und Disability Studies sehe, fragte ein weiterer Teilnehmer. Die Disability Studies stellen für ihn die soziale und kulturelle Dimension von Behinderung in den Hauptfokus und verstehen Behinderung primär gesellschaftlich konstruiert. Damit könnten sie eine Vermittlerposition zwischen den verschiedenen Welten von Reha-Wissenschaften und Sozialwissenschaften einnehmen. Es gäbe genügend inhaltliche Schnittmengen zwischen diesen Bereichen. Für Dr. Buschmann-Steinhage als Reha-Forscher der Rentenversicherung nehmen die Disability Studies die Sicht der Betroffenen ein („Nichts über uns ohne uns!“) und schauen auf die Interaktion mit den gesellschaftlichen Bedingungen, aus denen Behinderung entsteht. Die klassischen Reha-Wissenschaften dagegen hätten bisher meist nur auf den einzelnen Menschen geblickt. Behinderung sei für ihn das ungünstige Zusammentreffen von äußeren Bedingungen (Umweltfaktoren) und individuellen Beeinträchtigungen (Körperebene), also eine Verbindung von beidem. Daran habe Rehabilitation anzusetzen.

 

„Teilhabeforschung - Perspektiven von Menschen mit einer Schriftschwäche"

Dr. Ulrich Steuten, VHS Moers, beim Friedrichshainer Kolloquium

Dr. Ulrich Steuten referierte zu „Teilhabeforschung - Perspektiven von Menschen mit einer Schriftschwäche“. In der Öffentlichkeit sind Menschen mit Schriftschwäche resp. funktionale Analphabeten meist wenig sichtbar. Nachdem der Referent anhand eines Schaubildes Begriffsdefinitionen einführte, stellte er die gängige These vor, dass Analphabeten aufgrund ihrer Beeinträchtigung von Teilhabe massiv ausgeschlossen bzw. vom Ausschluss bedroht sind (Total-Exklusion). Der Teilhabebegriff durchziehe die Erwachsenenbildung als zentrales Moment. Nachdem der Referent Teilhabe und Exklusion näher untersuchte, beschrieb er konkrete Merkmale von erlebter Ausgrenzung bei Analphabeten wie z.B. dass sich Betroffene durch Experten eingeschüchtert fühlen können, sich sozial insgesamt stärker zurückhalten und oft sozialen Ausschluss befürchten.

Doch gäbe es mittlerweile ein paar Studien, die die Ausschluss-These ins Wanken bringen würden. Seit 2011 gibt es die groß angelegte Studie „leo.-Level-One-Studie“, nach der von 7,5 Mio. Analphabeten ausgegangen wird. Aber lediglich 0,27% davon nehmen Bildungsangeboten wahr! „Eine Schockzahl“. Damit sei man weit von dem politischen Anspruch entfernt, die Zahl der Analphabeten zu halbieren. Der Referent stellte verschiedene Erklärungsansätze mit differenziertem Zahlenmaterial zu diesem Phänomen vor und favorisierte dabei die Annahme, dass diese Menschen im Alltag höchstwahrscheinlich Mittel und Wege gefunden hätten, mit ihrer Erschwerung umzugehen. Aus dieser Sicht seien sie nicht exkludiert und er sprach sich für eine „Entdramatisierung des Exklusionsdiskurses“ aus. Nach der „leo.-Studie“ unterscheiden sich funktionale Analphabeten in ihrem Sozialverhalten und in ihren Belastungsprofilen kaum von Menschen mit vergleichbarer Bildung. „Sie zeigen ein bewundernswertes Maß an Lebensmut und Lebenszufriedenheit.“ In den Insiderkreisen sei heftig umstritten, wie Menschen mit solchen Beeinträchtigungen zu helfen sei, die Diskussion wäre emotional hoch aufgeladen, so Dr. Steuten. Wenn diese Menschen Hilfe suchen, dann sollte man ihnen jedoch auch Hilfe anbieten: Eine wichtige Zukunftsaufgabe sei die Prävention, genauso wichtig sei aber auch individualisierte Förderung, mehr lerntherapeutisch ausgebildete Lehrer und kleinere Lerngruppen. Man solle diskreditierende Begriffe und soziale Ächtung vermeiden (Schriftschwach anstelle von Analphabet) und Exklusion im Diskurs nicht zu stark betonen. Seit kurzem fände an einigen deutschen Universitäten die Auseinandersetzungen mit neuen Konzepten der „Literalität“ aus Kanada, USA und England statt (New Literacy Studies). Diese würden berücksichtigen, dass es verschiedene „Literalitäten“ gäbe und damit könnte „Stress“ aus der Debatte einer Normanpassung herausgenommen werden. Bezogen auf die politische Ebene forderte der Referent, man müsse von der herrschenden ineffektiven „Projektitis“ wegkommen, die das komplexe Phänomen nur zeitlich begrenzt angehe. Das Problem könne nur durch solide Kontinuierlichkeit gelöst werden.

Diskussion: Unterschiede zwischen Frauen und Männern gäbe bei dem Thema Schriftschwäche kaum, insgesamt aber würden sich Frauen etwas mutiger als Männer zeigen. Schriftschwäche sei ein „multikausales Problem“, bei dem soziale, physiologische Ursachen ineinander spielen, z.B. wenn bei einem Kind mit Hörproblemen die Spracherwerbsschwierigkeiten viel zu spät entdeckt werden. Organische Ursachen seien tendenziell selten verbreitet, häufiger seien sozialen Ursachen zu finden: z.B. „ein Elternhaus, in dem kein Buch, keine Zeitung zu finden ist, wo nicht vorgelesen wird, wo nur der Fernseher läuft“, so Dr. Steuten, also wo es keine Lesesozialisation gäbe; oder wenn Kinder wegen häufiger Umzüge oft die Schule wechseln müssen; oder die vielen Menschen, die ihre Lese- und Schreibfähigkeit durch Nichtgebrauch wieder verlernen (postschulischer Analphabetismus). Dr. Schäfers unterstützte die Forderungen des Referenten nach einem allgemein veränderten Schulsystem, die für alle Schüler zu Verbesserungen führen könnten und sprach sich gegen eine „Verbesonderung der Hilfen“ aus. Die Alphabetisierungsbewegung tendiere leider zum Ausbau einer Sonderstellung der Betroffenen, so Dr. Steuten. Der verstärkte Einsatz von einfacher Sprache bei den Lernmaterialien (vereinfachte Texte und Typografie) verbessere den Unterricht deutlich. Doch stellte Dr. Schäfers heraus, dass man heute noch nicht wirklich wisse, wie einfache Sprache bei den Betroffenen ankommt. Dazu gäbe es bisher keine Untersuchungen. Wird es in den nächsten 20 Jahren schwieriger, mit Schriftsprachproblem durchs Leben zu kommen?, fragte Dr. Buschmann-Steinhage. Die technische Entwicklung setze auf vereinfachte Bedienbarkeit der Geräte. Es gäbe heutzutage mehr elektronische Lesehilfen, mit denen Betroffene sich erstaunlich gut zu helfen wissen. Dennoch räumte der Referent ein, dass es für einen qualifizierten Job meist nicht ausreiche.
Ein Zuhörer wies in der allgemeinen Diskussion auf die Diskrepanz hin, dass sich schriftschwachen Personen einerseits sozial verunsichert fühlen, andererseits würden sie eine hohe Lebenszufriedenheit bekunden. Wieso sollten sich Menschen verändern wollen, wenn sie zufrieden seien? Dr. Steuten erklärte diesen scheinbaren Widerspruch mit der Fähigkeit, sich trotz vorhandener Erschwerungen mit dem Leben dennoch im Einklang fühlen zu können und so ein relatives Maß an glaubwürdiger Zufriedenheit zu entwickeln. „Jemand, der sich für glücklich hält, ist glücklich!“ so Dr. Schäfers. Forschungen zur Lebensqualität zeigen: Es ist normal, zufrieden zu sein – werde diese Zustand verlassen, so gäbe es in der Regel dafür „krasse Ursachen“. Zufriedenheit habe viel damit zu tun, das eigene Leben positiv beeinflussen zu können. Man solle sich im Reha-Alltag davor hüten, die Zufriedenheitsäußerungen der Menschen nicht ernst zu nehmen, so Dr. Buschmann-Steinhage.

Die drei Stunden des Kolloquiums zur Teilhabeforschung waren spannend und anregend. Wie schon in mehreren Kolloquien zuvor, wurde die lebendige Diskussion im anschließenden Restaurantbesuch weiter fortgeführt.

Bericht: Dr. Karl Bald, FBB

 

 

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