Partizipative Forschung

Audiobericht "Friedrichshainer Kolloquium zu Gast in Zehlendorf" - 17.09.2013

Diskussion am Podium: Dr. Swantje Köbsell, Dr. Katrin Grüber und Prof. Dr. Michael Wright

Foto: fdst

 

Transkription des Hörberichts

Das Thema Teilhabeforschung steht in diesem Jahr im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe „Friedrichshainer Kolloquium“. Die Reihe wird vom Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft gemeinsam mit der Fürst Donnersmarck-Stiftung durchgeführt. Die Leiterin des Institutes Dr. Katrin Grüber zu den Zielen:

"Das Thema Teilhabeforschung ist noch ziemlich neu. Bei dem Thema geht es darum, genauer zu untersuchen, was sind die Bedingungen für Teilhabe? Was fördert die Teilhabe von Menschen? Das können Menschen mit aber auch ohne Behinderungen sein. Was hindert diese Teilhabe? Und wenn man die Hindernisse kennt, kann man sie eher aus dem Wege räumen. Und die Reihe will genau den Blick dafür schärfen. Um Wissenschaftler, die verschiedene Perspektiven haben, zusammenzubringen und den Dialog zu fördern."

Am 17. September 2013 fand in der Villa Donnersmarck die Veranstaltung mit dem Titel „Partizipative Forschung“ im Rahmen des „Friedrichshainer Kolloquiums“ statt. Dr. Swantje Köbsell von der Universität Bremen stellte Erfahrungen mit „Disability Studies in der Praxis“ vor. Bei diesem Forschungsansatz werden Menschen mit Behinderung nicht als „die Anderen“ angesehen, die medizinische Hilfe benötigen. Und es wird die Perspektive der Betroffenen berücksichtigt. Wenn sie vom Forschungsobjekt zum -subjekt werden, dann findet ein Perspektivenwechsel statt, so Köbsell:

"Veränderung der Sichtweise auf Behinderung hat bei vielen auch eine radikale Veränderung ihres Selbstbildes bewirkt. Nämlich in der Wahrnehmung, nicht ich bin falsch – das war das, was im medizinischen Bild immer suggeriert wurde, nämlich du bist falsch und wir müssen dich heile machen, damit du hier wieder reinpasst – sondern die Gesellschaft ist falsch, weil sie begegnet mir mit Barrieren. Mit dieser Sichtweise hatte man dann auch den Grundstein gelegt, für einen beeinträchtigungsübergreifenden politischen Kampf. Hin zu einer gesellschaftlichen Veränderung, in der behinderte Menschen gleichberechtigt teilhaben können. Also, das was heute unter „Inklusion“ diskutiert wird."

In der Praxis von Disability Studies werde nicht über Menschen, sondern von und mit ihnen geforscht. Als ein Beispiel aus der Kulturwissenschaft erläuterte Swantje Köbsell die Frage der kulturellen Repräsentation:

"Also, wo findet die kulturelle Repräsentation, die Darstellung von Menschen mit Beeinträchtigung eigentlich statt? Wird Behinderung dabei mit einer Bedeutung versehen und wenn ja mit welcher? Wie tragen zum Beispiel Filme oder Bücher oder andere Medien zur Konstruktion von Behinderung bei? Wo kommen Menschen mit Beeinträchtigung vor oder wo kommen sie nicht vor?"

Eine andere zentrale Frage sei, wie Behinderungserfahrungen erlebt werden
und wie sie sich auf die Betroffenen auswirken. Zum Beispiel bei Ärzten oder in Schulen. Anhand solcher und ähnlicher Fragestellungen werden neue Erkenntnisse über Behinderungsprozesse gewonnen.
Im zweiten Teil erläuterte Prof. Michael T. Wright, von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, den Ansatz der Partizipativen Gesundheitsforschung. Dabei gehe es um partnerschaftliche Zusammenarbeit, um gemeinsam neue Erkenntnisse zur Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung zu gewinnen. Wissenschaftler müssten mit Praktikern, Behörden und Betroffenen zusammenarbeiten.

"Partizipative Gesundheitsforschung ist oft lokal situiert. Es geht um die Belange der Menschen vor Ort, dass die die Fragen formulieren, die dann im Mittelpunkt stehen sollen. Es hat oft mit einer bestimmten Einrichtung zu tun, mit einer bestimmten Gemeinschaft, mit einem bestimmten Ort, mit einem Zeitpunkt. Es ist ein kollektiver Forschungsprozess. Ich habe natürlich Vorteile, weil ich aus der Wissenschaft komme. Aber es ist ein kollektiver Prozess, ein Gruppenprozess, wo dann Wissensbestände der verschiedenen Menschen zusammen getragen werden. Auch methodisches Knowhow und so weiter."

Beispielhaft stellte Wright das Projekt „Partizipative Qualitätsentwicklung“ vor, an dem er beteiligt war:

"Wie wissen wir, dass Prävention und Gesundheitsförderung gut ist? Wie können wir gute Arbeit in diesem Bereich machen? Wie können wir partizipativ Qualität definieren. Nicht nur Standards von oben entgegennehmen und umsetzen, sondern aus unserer Arbeit heraus. Wir haben dann einen Ansatz entwickelt „Partizipative Qualitätsentwicklung“ wie man in Zusammenarbeit, nicht nur mit Praktikern, sondern auch mit Menschen vor Ort, zusammen arbeiten kann, um Formen von Angeboten zu finden, die einen Sinn haben."

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass der Ansatz richtig ist, die Betroffenen in die Forschung einzubeziehen. Und zwar so, dass nicht nur über sie geforscht wird, sondern dass sie mit ihren Erfahrungen und Ansichten beteiligt werden. Dazu müssten sich allerdings die Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die Forschungsförderung oder auch das Selbstverständnis vieler Wissenschaftler, ändern. Am 19. November findet die nächste und letzte Veranstaltung der Reihe in diesem Jahr statt. Dann lautet das Thema „Kommunale Teilhabe“.

Beitrag: Friedrichshainer Kolloquium: Partizipative Forschung
Länge: 05 min 11
Datum: 19.09.2013
Autor: Klaus Fechner - www.reichweiten.net

 
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